Das Erfassen eines Mikrokosmos

mikrokosmos_artikel

Ich möchte euch gerne an einer Diskussion teilhaben lassen, die ich vor einigen Tagen, per Email, mit einem anderen Makrofotografen hatte. Vielleicht interessiert es ja denn einen oder anderen.
Er bezog sich in seinem Email auf einen meiner Artikel über das Entschleunigte Fotografieren. Mal grob überspitzt meinte er: Wie man sich um Gottes willen nur so lange mit einem Makromotiv auseinandersetzen kann? Es sei ja kein Wunder, das ich so wenige gute Bilder habe, wenn ich für ein Bild immer so lange brauche!

Nun meine Antwort darauf, vielleicht erklärt das einiges.

Für einen Fotografen mit einem Interesse an der Makrofotografie, öffnet sich automatisch eine Tür zu einem Mikrokosmos. Es wird einem ein Einblick gewährt in eine uns Menschen meistens unbekannte, fremde und geheimnisvolle Welt. Es besteht nun, mit einem Makroobjektiv, die Möglichkeit in diese fremde Welt einzutauchen und diese anderen Menschen in Bildern zugänglich zu machen.

Und einen Kosmos, auch wenn er in diesem Fall winzig klein ist, kann man nicht mal schnell, begreifen, ergreifen und in Bildern festhalten. Er atmet und verändert sich unentwegt, er reagiert durch seine Winzigkeit auf Umwelt- und Lichteinflüssen viel stärker.


Pflanzen reagieren auf Regen-sie schließen ihre Blätter, auf das Sonnenlicht-sie drehen sich nach der Sonne. Und weil sie eben so klein und zart sind, kann das Licht diese zarten Wesen um 19:00 Uhr eine ganz andere Seite zeigen als um 13:00 Uhr.
Auf zwei Quadratmeter Wiese befinden sich in der Makrofotografie, mehr Modells als in 48456 Folgen von Germanys Next Top Modell.Es gibt kein anderes Fotografie Genre, in dem man so viele Kopfabenteuer erleben kann, mit extrem kleinen Finanziellen Aufwand. Mann muss nicht in die Masai Mara nach Afrika reisen, man braucht kein Fotostudio, man muss keine Modells buchen, diese fantastischen Makrowelten befinden sich vor unserer Haustür. In unserem Garten, im nächsten Park auf der Wiese. Der nächste Grand Canyon ist die Spurrille eines Regenwurmes, der nächste Amazonaswald ist das Grasbüschel um die Ecke usw. die Möglichkeiten sind fast unendlich.
Und wenn man nicht knipst, sondern fotografiert, setzt man sich mit dem Motiv und seiner Umgebung auseinander. Man komponiert das Bild, mit dem Scharfstellring fährt man durch das gesamte Bild. Und dabei beobachtet der Fotograf nicht nur das Motiv selbst, sondern er beobachtet auch, wie sich der Hinter- und Vordergrund verändert.
Dann wird mit der Abblendtaste oder der Liveviewfunktion, die richtige Blende ermittelt, bei welcher Blende kann ich das Motiv aus dem Gesamten herauslösen, mit welcher Blende verschmilzt mein Motiv mit dem Vordergrund usw.

Und dabei bin ich jetzt noch nicht mal bei der Hälfte der fotografischen Vorgänge, die ein Makrofotograf tun sollte, um sein Motiv optimal auf ein Bild zu bannen. Da gebe es noch das Licht, wie und um welche Zeit fällt das Sonnenlicht besser, weicher, härter und wärmer auf mein Motiv. Alles das kann ein Makrofotograf auch weglassen. Aber DAS IST FOTOGRAFIEREN. Die Kamera hinhalten und Auslösen ist Knipsen.

Makrofotografen, die Fragen, welche Objektive, Kamera und Zubehör sie doch kaufen sollen, aber sich nicht mit ihren Motiven befassen und sich dabei keine Zeit lassen, führen damit ihre Tätigkeit selbst und ihre Bilder, meiner Meinung nach, ad absurdum. Und ob es nun einigen überhaupt bewusst ist oder nicht, man sieht es denn Bildern einfach an, das hier schlampig gearbeitet wurde.

Nun zurück wieder zu dem Grund, warum ich mich so lange mit meinem Motiv und denn anderen Dingen befasse. Ich bin nicht in der Lage, und werde es auch nie sein, in so kurzer Zeit das alles zu erfassen. Und ich will es genießen, Erleben und Verarbeiten. Denn nur so kann ich es auf meinen Bildern weiter Transportieren.

So viel dazu, wie ich Makrofotografie erlebe und wie ich arbeite.


Warning: count(): Parameter must be an array or an object that implements Countable in /www/htdocs/w0090481/wp-includes/class-wp-comment-query.php on line 399

6 Gedanken zu „Das Erfassen eines Mikrokosmos“

  1. …Fotografie ist die Auseinandersetzung mit dem Motiv. Man muss mit ihm arbeiten, um es zu verstehen, um sich einzusehen. Das geht nur mit Ruhe. Von daher gebe ich Dir Recht, nur so geht das.
    Gruß Mat

  2. Hehe, da hatte wohl der Kommentierer schlechte Laune und suchte jemand, um sie an ihm auszulassen.

    Ich finde es schön, dass du so gute Fotos hast, und wie viele das dann sind, egal, Masse macht keine Klasse, eher im Gegenteil.

  3. Kein Wunder dass Du so wenig gute Bidler hast. Schliesslich geht der Trend immer mehr zum stochastischen Fotografieren. Wer sag wir mal 5% gute Bilder macht hat micht 800+ am Tag eine höhere Ausbeute als Du mit Deinen 50 Bildern im Makrobereich. Schäm Dich mal ganz flott und dann schnapp Dir die Lomo und ab.
    Im Ernst, ich bewundere ja Dein Durchhaltevermögen, das muss ich mir erst noch anerziehen.

  4. Zum Glück sind wir Amateure, Liebhaber! Und neben dem Ergebnis zählt vor allen Dingen die Fotografie. Und niemand zwingt uns, die nicht auszuleben!

  5. …und ich zittere schon um den wildbewachsenen EX-Parkplatz hinter meinem Haus wo ich die meisten Makros schieße-dort soll demnächst was gebaut werden- und ich bin dann um ein kleines Fotouniversum ärmer….

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *