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Profifotografen kommen zu Wort – Interview mit Martin Storz

Der dritte Teil der Interview Serie: Profifotografen kommen zu Wort.

Interview mit Martin Storz

martin_storz_interview Im dritten Teil habe ich mit Martin Storz ein Interview geführt. Profifotograf, Fotojournalist und Autor des Fotografie Blog “The Public Eye Blog“. Ein täglicher Besuch auf Martins Blog ist für mich Pflicht, weil er auch zb. Technische Themen nüchtern und aus der Sicht eines Profis betrachtet. Martins Bilder finde ich sehr Authentisch.

1. Warum Fotograf und nicht Bäcker? Was war deine Motivation bzw. Antrieb um Fotograf zu werden?

Fotoapparate waren in unserer Familie immer präsent. Schon während meines Studiums, Soz.päd., wusste ich, dass ich kein “Sozialklempner” werden wollte. Nach dem Diplom war ich ein halbes Jahr nebenamtlich Dozent für Fotografie, wurde Reprograph in einer Druckwerkstatt und habe Ende der 70er Jahre erste Fotos im Spiegel, Der Zeit, TAZ, Rheinischer Merkur, Transatlantik etc. veröffentlicht. Themen waren u. a. Nicaragua, soziale Bewegungen, Frieden, Atomkraft, Wackersdorf etc. Als Mitbegründer der Fotoagentur GRAFFITI arbeite ich seit Anfang 1984 hauptberuflich als Fotojournalist.

2. Was ist für dich die Faszination Fotografie?

Dass das, was ich gesehen und ins Bild gesetzt habe, verstanden, akzeptiert und letztendlich auch honoriert wird.

3. Durch die fallenden Digitalkamera Preise und die ständige Erhöhung der Megapixelanzahl und zb. Webseiten wie FlickR, versuchen nun auch viele Amateurfotografen ihre Bilder zu Verkaufen oder nebenbei zb. Hochzeiten und ähnliches zu Fotografieren. Siehst du darin Probleme für Profifotografen die davon Leben müssen?

Ich bin mir nicht sicher, ob das für Berufsfotografen ein Problem ist. Um dauerhaft zu bestehen und auch von der Fotografie leben zu können, reicht es nicht aus, “schön” fotografieren zu können. Ein Profi muss zu jeder Zeit und unter fast allen erdenklichen Umständen – von 800m unter der Erde im Bergwerk bis zur Luftaufnahme, von Sport bis Mord – in der Lage sein, Termine zuverlässig zu organisieren und sicher einzuhalten, ordentlich zu fotografieren und inhaltlich plausible, druckfähige Fotos pünktlich abzuliefern. Zurückhaltung, Kommunikationsfähigkeit, Loyalität, Verbindlichkeit,
Leidensfähigkeit und 100%ige Zuverlässigkeit sind wichtiger als jede Kameramarke. Neben der reinen Fotografie werden also eine ganze Reihe von Sekundärtugenden vorausgesetzt.

4. Hat sich deiner Meinung nach die Qualtität der Bilder durch die Digitalfotografie verändert?

Ganz sicher nicht zum Schlechten hin. Spielereien, wie sie heute durch exzessives “photoshopping” möglich sind, gab es auch in anderer Ausprägung im “analogen Zeitalter”. Solche Dinge sind kurzlebig und “Moden” unterworfen.

5. Spielt das Internet mit all seinen Begleiterscheinigungen eine Rolle für dich als Profifotograf? Wenn ja welche?

Das Internet ist eine ideale Plattform für die Präsentation und den
Verkauf von Fotos. Es ist auch ein großartiges “Show”fenster voller spannender Anregungen.

6. Ist die Digitale Bildbearbeitung(Photoshop usw.) – Fluch oder Segen?

Für mich ist die digitale Bildbearbeitung ein Segen. Ich weine weder den Entwicklerchemiekalien, noch der Arbeit in der (im Sommer unerträglich heißen) Dunkelkammer eine Träne nach. Die Bildbearbeitung in der journalistischen Fotografie ist im Prinzip gleich geblieben: Edieren/Auswahl, Ausschnitt, Tonwert/Gradation/Farbe, dogde and burn (heute mit Masken viel eleganter), Bildbeschriftung, Speicherung/Versand.

7. Fotografie zu Discountpreisen? Fotografen unterbieten sich bei Onlineplattformen beim Preis von zu vergebenen Fotoaufträgen, und ruinieren dadurch das Preisgefüge! Wie siehst du diese Entwicklung?

Das tangiert eher den Bereich der “Stockfotografie”. Im Fotojournalismus lässt sich nicht auf Vorrat arbeiten, es zählt die Aktualität und die Präsenz vor Ort. Wer glaubt, als “Billigheimer” eine Zukunft zu haben, täuscht sich. Das Etikett, einmal angebracht, bleibt kleben.

8. Welche drei Tips würdest du einen Einsteiger in die Professionelle Fotografie mitgeben?

Ausbildung, Kontakte, Realitätssinn, Geduld – und immer wieder Bilder anschauen!

9. Wie wichtig ist die Ausrüstung für dich als Profifotograf?

Wenn man sich einmal für eine Marke entschieden hat, ist ein Umsteigen nur unter großen finanziellen Verlusten möglich.
Eine Kamera “verdient” sich nicht in einem Produktzyklus, Wichtig ist mir in erster Linie die Zuverlässigkeit der Ausrüstung und die professionelle Unterstützung des Herstellers.

10. Spielt die Analoge Fotografie (Film) für dich noch eine Rolle?

Nein

11. Die Einsame Insel Frage! Welches Fotografie Equipment würdest du auf eine Einsame Insel mitnehmen?

Bei einer großen Insel würde ich mich für eine Bridge-Kamera entscheiden, bei einer kleinen Insel für eine kleine Knipse mit Festbrennweite. ;-) Sollte es keinen Strom, dafür aber Filme geben, hätte ich gerne meine alte OM1 mit der legendären Zuiko 2/40er Pancake-Optik oder eine Leica M6 mit einem 35er.

12. Wo sind deine Kernkompetenzen-Themen in der Fotografie?

Meine Stärke ist die Fähigkeit mit Menschen auch in heiklen und schwierigen, ja extremen Situationen umgehen zu können – vielleicht profitiere ich dabei etwas von meinem Studium. Also: Menschenfotografie, soziale Themen. Meine Kern-Inkompetenz ist die Sportfotografie, das habe ich leidvoll in meiner Zeit als freier Agenturfotograf feststellen müssen. Trotzdem oder gerade deshalb habe ich zur Fußball-WM 06 für eine Ausstellung “Jugend und Sport” 1 1/2 Jahre Jugendfussball fotografiert! Und dann auch noch während der WM – aber nicht die
Spiele, sondern die Zuschauer.

13. Gibst du dein Fachwissen in irgend einer Form weiter?

An Praktikanten (berufsorientierte Praktika von Schülern), die wir regelmäßig haben und gelegentlich über meinen Blog.

14. Ist die Anzahl der Megapixel bzw. Vollformat oder Crop für dich als Profifotograf relevant?

Meine erste DSLR hatte 3MP. Ich erinnere mich, dass es ein einziges Mal Probleme mit der Dateigröße gab. Ich erinnere mich aber auch, dass es keine Probleme mit mehreren Quadratmeter großen Bildern für Messestände gab. 8 bis 12MP sind im Fotojournalismus mehr als ausreichend. Man denke an Datenverarbeitung, Datenübertragung, aber auch an die Rechner- und Speicherkapazitäten von Kunden. Vollformat wird etwas überschätzt und ist z. B. im Sport oft gar nicht erwünscht. Wichtiger sind z. B. große, helle Sucher, die auch manuelles
Scharfstellen ermöglichen. Die Kombination von zwei Kameras mit FF-Sensor und APS-C-Sensor kann aber eine ganz trickreiche Verwendung von Optiken ermöglichen.

15. Mit welcher Brennweite Objektiv machst du deine meisten Aufnahmen?

Den größten Teil meiner Fotos mache im Brennweitenbereich zwischen 28 und 100 mm (bezogen auf Vollformat)

16. Wo findet man dich im Internet, und wo kann man sich Bilder von dir ansehen?

Man findet meine nicht sehr aktuelle Website unter www.martinstorz.com. Meine – zweitverwertbaren – Fotos (aus dem digitalen Zeitalter, also ca. ab dem Jahr 2000) sind beim Fotofinder.net gehostet.
Und letztendlich gibt es einen häufig tagesaktuellen Blog unter http://thepubliceyeblog.blogspot.com, mit Fotos, Artikeln und meinem großen Wunsch an die Leser, sich mit eigenen Beiträgen zu beteiligen.

Vielen Dank für das Interview.

Nächstes Interview der Serie: “Profifotografen kommen zu Wort” mit Daniel K. Gebhart.

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